Erinnerungsstätte "Stein auf Stein" 350 Jahre Verlobtertag in Flörsheim am Main

geschrieben von Dr. Bernd Blisch

Wer nach den historischen Spuren der Pestepidemie von 1666 in Flörsheim und die Anfänge des „Verlobten Tages“ sucht, wird überrascht sein, wie wenige Originalquellen es zu diesem Ereignis tatsächlich gibt. Das erste Auftreten der Pest ist im Kirchenbuch mit dem Datum 16. Juni 1666 vermerkt. An diesem Tag starben 4 Kinder des Johann Peter Schuhmacher an der Krankheit.

Die Sterbeziffern für die folgenden Monate der Jahre 1666/67 können wie folgt aufgelistet werden:

  • Juli 21
  • August 41
  • September 14
  • Oktober 37
  • November 21
  • Dezember 25
  • Januar 7

Außer den Totenlisten im Kirchenbuch von St. Gallus findet sich ein in Latein verfasster Eintrag des damaligen Pfarrers Laurentius Münch, der in deutscher Übersetzung lautet:

„Im Jahre 1666, am 28. Juli, ist von der Gemeinde dieses Ortes ein Verlobter Tag wegen der sich verschlimmernden Pest versprochen worden zu Ehren der Hl. Sebastian und Rochus, auf dass dieser Tag immer und in jedem Jahr der Zeitläufte als ein heiliger Feiertag gefeiert werde und eine Prozession wie am Fronleichnamsfest soll mit brennenden Kerzen stattfinden, was die Gemeinde nach den Regeln der Kirche jährlich begehen wird. Als höchstes Sakrament wurde das Dankfest von der Heiligen Dreifaltigkeit begangen: Das Evangelium von den zehn Aussätzigen wird gelesen wie am 13. Sonntag nach Pfingsten.“

Mehr ist über die Einsetzung des Flörsheimer Stadtfeiertags nicht überliefert. Alle Geschichten, alle Ereignisse, die für die heutige Bevölkerung eng mit dem Verlobten Tag verbunden sind oder berichtet werden, stammen aus späterer Zeit.

Das älteste Foto vom Verlobten Tag stammt aus dem Jahr 1895

Die „große Pest“

Die Pestepidemie, die Flörsheim im Jahre 1666 erreichte und die heute „die große Pest“ genannt wird, grassierte zu diesem Zeitpunkt in Westeuropa schon drei Jahre lang. Ein Handelsschiff aus Algier hatte 1663 die Krankheit nach Amsterdam eingeschleppt, wo bis 1664 über 30.000 der rund 200.000 Einwohner starben. In den Jahren 1665 und 1666 ist die Epidemie auch in England nachweisbar, wo rund 100.000 Menschen der Krankheit erlagen. Ab 1664 lässt sich dann der Weg der Epidemie entlang des Rheins nachvollziehen: Bis zum Juli 1665 hatte sie Köln erreicht; im Oktober des Jahres starben täglich 40 bis 50 Menschen in der Stadt. Zu diesem Zeitpunkt tauchten auch bereits die ersten Krankheitsfälle im Rheingau und in Bingen auf.

Im Juli 1666 verfügte die Freie Reichstadt Frankfurt, dass aus Mainz kommende Personen und Waren die Stadt nicht mehr passieren dürften, da etliche aus Mainz eingereiste Personen mit den Symptomen der Pest behaftet gewesen seien.

Der Bericht des Pfarrers Lamberti

Den ausführlichsten Bericht über die Pest in Flörsheim und die Anfänge des „Verlobten Tags“ gibt der von 1727 bis 1773 in Flörsheim tätig gewesene Pfarrer Gerhard Lamberti, der im Jahr 1727 ins Flörsheimer Kirchenbuch einträgt (Auszüge):

„Die grimmige Seuche begann am 16. Juni zu wüten, …, im Hause eines gewissen Schneiders, der irgend woher aus einem verseuchten Nachbarort mitgebrachte Kleidungsstücke durch Kauf oder wahrscheinlicher geschenkt übernahm und sie seinen Kindern anpasste, von denen vier an einem Tag gestorben sind; so hat es mir ein alter Mann erzählt. Am Anfang wurden die Toten tagsüber begraben, als die Seuche sich verschlimmerte, auch nachts, damit nicht Unruhe und Angst sich in der Bevölkerung und der Nachbarschaft vergrößerten. Viele sind deshalb begraben worden ohne Wissen der noch Lebenden, so dass, wenn diese fragten: „Wo ist denn der oder der?“, die Antwort kam: „Der liegt schon seit einigen Tagen auf dem Friedhof.“ Die Einwohner sind in solche Bedrängnis gekommen, dass abends ein Nachbar und auch Verwandter dem anderen noch gute Gesundheit wünschte, dass morgens aber einer an das Fenster des anderen klopfte und fragte: „Vater oder Mutter, Bruder oder Schwester, lebt noch jemand?“ und einige wurden abends, andere morgens tot aufgefunden in Häusern, deren Eingänge verschlossen waren, und alle Bewohner waren tot; nicht nur die Menschen, sondern sonderbarerweise auch Hunde, Katzen, Hühner etc. starben in den von der Seuche erfassten Häusern. In dieser Not gab die ganze Gemeinde das Versprechen für sich und ihre Nachkommen, so wolle den erwähnten Verlobten Tag feierlichst begehen, solange in Flörsheim ein Stein auf dem anderen stehe,… Und siehe da! Danach, so berichten alle älteren Leute, breitete sich die Seuche nicht weiter aus und griff auch nicht auf den oberen Teil der Stadt jenseits der Kirche über, sondern wütete nur im unteren Teil.“

Es muss Gründe gegeben haben, warum sich Lamberti rund 60 Jahre nach dem Jahr 1666 bemüßigt fühlte, einen ausführlichen Bericht zu geben. Vielleicht, weil bei vielen Menschen nicht mehr in Erinnerung war, wie es zur Einsetzung des „Verlobten Tages“ kam. Vielleicht weil eine weltliche Obrigkeit einen Nachweis wollte über den „arbeitsfreien“ Feiertag?

Der „Verlobte Tag“ im 19. und 20. Jahrhundert

Immer wieder im Laufe der Geschichte mussten die Flörsheimer um den Erhalt ihres Feiertags bangen: Im September 1815 erließ der Herzog von Nassau (Flörsheim war nach dem Untergang des Geistlichen Kurfürstentums Mainz 1803 an das protestantische Nassau gefallen) ein Edikt, das die meisten traditionellen katholischen Feiertage und Prozessionen abschaffte, so auch den Flörsheimer Verlobten Tag. Die jährlichen Schreiben der nassauischen Landesregierung an die Flörsheimer Verwaltung, in dem man sich über die Abhaltung des Feiertags beschwert und bei weiterer Missachtung des Verbots Konsequenzen androht, beweisen jedoch, dass die Flörsheimer den Stadtfeiertag weiterhin hielten.

Die Nationalsozialisten, die es nicht wagten, den Verlobten Tag zu verbieten, versuchten 1939 jedoch, ihn auf einen Sonntag zu verlegen. Aus dem Stadtfeiertag wäre eine rein kirchliche bzw. persönliche Angelegenheit geworden. Für den letzten Montag im August war Schulpflicht verordnet. Trotzdem wurden an diesem Tag sowohl Gottesdienst als auch Prozession gehalten, immerhin 92 Kinder blieben der Schule fern. Für die Eltern hatte dies freilich Konsequenzen: 25 bis 50 Reichsmark Strafe pro Kind sollten gezahlt werden, eine für die damalige Zeit recht hohe Summe. Da jedoch am 1. September der Krieg ausgebrochen war, erließ Hitler zwei Wochen später eine Amnestie für kleinere Strafen, so dass die meisten Flörsheimer nichts zu zahlen hatten. Ab 1940, d.h. während des Krieges, fand die Prozession freilich nur in eingeschränktem Rahmen statt.

 

Die Verlegung des „Verlobten Tages“ auf den letzten Montag im August

Für die Flörsheimer des Jahres 2016 ist es eine Selbstverständlichkeit, dass der „Verlobte Tag“ am letzten Montag im August gefeiert wird. Dabei ist diese Tradition gar nicht so alt. Im Jahr 1866 war es zum „deutsch-deutschen Bruderkrieg“ zwischen Österreich und Preußen gekommen, in den auch die übrigen Kleinstaaten, auch Nassau, die Freie Stadt Frankfurt und Hessen-Darmstadt mit einbezogen worden waren. Es war nicht möglich, den Verlobten Tag am traditionellen 28. Juli zu halten. Man verlegte deshalb den Feiertag auf den letzten Montag im August. Seit 150 Jahren wird der „Verlobte Tag“ nun am neuen Datum gefeiert.

 

Prozession in der Eisenbahnstraße, 1930er Jahre